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Vernichtung

Oppenheimer, Ida (6.9.1864 Hameln - 24.4.1943 Theresienstadt)

Die Familie Oppenheimer steht beispielhaft für den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufstieg und die gelungene Emanzipation jüdischer Bürger im 19. Jahrhundert. Joseph Oppenheimer gehörte zu den angesehensten Bürgern der Stadt und hatte zahlreiche Ehrenämter inne. Auch seine Söhne Hermann und Emanuel genossen hohes Ansehen in Hameln.

Ida war Tochter Hermann Oppenheimers und wohnte in einer Wohnung im Geschäftshaus Bäckerstraße 58. Unverheiratet geblieben, hatte sie im Gegensatz zu anderen ledigen jüdischen Bürgerinnen, die ihren Lebensunterhalt aus Mieteinnahmen bestritten oder auf die Fürsorge angewiesen waren, ein gesichertes Einkommen. Zusammen mit ihrem Bruder Wilhelm betrieb sie die, von ihren Vater 1867 gegründete, anspruchsvolle Musikalienhandlung Hermann Oppenheimer Hof-Musikalien-Handlung und Verlag in der Bäckerstraße. Ida führte das Geschäft, das im 19. Jahrhundert mit Veranstaltungen das Hamelner Kulturleben wesentlich mit gestaltet hatte, im Sinne ihres Vaters weiter. Das Geschäft verzeichnete trotz der Wirtschaftskrise 1919 bis 1923 konstant hohe Umsätze. Nach dem Ende der Krise und der Inflation lag der Umsatz 1924 bei 56.806,- RM, stieg in den folgenden Jahren auf 78.217,- RM und lag Ende der Zwanziger zwischen 69.000,- bis 77.000,- RM. Selbst in den ersten Jahren der Weltwirtschaftskrise 1929/30 blieb der Umsatz auf diesem hohem Niveau. Erst 1932 gingen die Umsätze gegenüber 1931 deutlich zurück (60.353,-/41.373,- RM). Zu Beginn des Jahres 1933 war die Musikalienhandlung aber trotz anhaltender Krise noch ein gut positioniertes und florierendes Geschäft, das den Geschwistern Oppenheimer ein hohes Einkommen gewährleistete.

Der Beginn der Boykottmaßnahmen am 1.4.1933 schlug sich in den Geschäftsbilanzen für April deutlich nieder - 2796,- RM Umsatz gegenüber 4731,- RM im vorjährigen Monat. Danach pendelte sich der Gewinn wieder ungefähr auf die Vorjahreswerte ein, blieb aber in der Jahresbilanz mit 33.163,- RM deutlich unter dem von 1932. Die Fortführung der Boykottmaßnahmen ließ 1934/35 das Einkommen der Oppenheimer weiter schrumpfen (1934 27624,- RM).

Ende 1935 entschlossen sie sich zum Verkauf. Vorausgegangen war seit Juni ein dramatischer Rückgang der Einnahmen gegenüber den Vorjahren. Die Geschäftsschulden beliefen sich Ende des Jahres auf 6635,- RM. Am 13.11.1935 verkauften sie das Geschäft an den Musikverlag Fritz Oltersdorf für 23.100,- RM. Oltersdorf zahlte den Kaufbetrag in monatlichen Raten zu 416,- RM an Wilhelm Oppenheimer ab. Nach dessen Tod am 18.5.1937 gingen die Einzahlungen - wie im Kaufvertrag vereinbart - als Rente in Höhe von 220,- RM monatlich auf Idas Konto.

Im Juli 1938 musste Ida Oppenheimer ihr Vermögen offenlegen. Zu diesem Zeitpunkt verfügte sie zusätzlich zu den ihr zustehenden Rentenzahlungen aus dem Hausverkauf noch über land- und forstwirtschaftlichen Besitz von 1696,- RM sowie 5586,- RM in Wertpapieren. Mit einem Gesamtvermögen von 30.300,- RM war sie zur Judenvermögensabgabe (20%) verpflichtet. Bis zum August 1939 musste sie in vier Raten insgesamt 6000,- RM an das Finanzamt (FA) Hameln zahlen. Im Mai 1939 bekam sie erhebliche Probleme, die 3. Rate von 1400,- RM zusammenzubekommen. Dem Einkommen für die nächsten drei Monate von 825,- RM standen für den gleichen Zeitraum Ausgaben für Einkommens-, Vermögens-, Bürger- und Judensteuer sowie Miete von insgesamt 417,- RM gegenüber. Zusätzlich verlangte das FA noch Erbschaftssteuer in Höhe von 2100,- RM. Inzwischen hatte sie die Rentenzahlungen Oltersdorfs auf 200,- RM reduzieren müssen, da dieser Zahlungsprobleme hatte. Ida bat deshalb darum, den Betrag durch Wertpapiere entrichten zu dürfen, was genehmigt wurde. Dasselbe Problem stellte sich mit der 4. Rate im August ein.

Als im November 1939 willkürlich eine zusätzliche 5. Rate gefordert wurde, war Ida Oppenheimer zahlungsunfähig, da die Begleichung der ursprünglichen 6000,- RM Judenvermögensabgabe und der Erbschaftssteuer ihr gesamtes Vermögen verbraucht hatte. Olterdorf wurde einberufen und konnte nicht einmal mehr die reduzierte Rentenzahlung leisten und meldete seine Verpflichtungen beim Wohlfahrtsamt an. Ida erhielt für die nächsten drei Monate insgesamt lediglich 435,- RM an Rente. Erst Mitte 1941 gingen wieder Einzahlungen in der ursprünglichen Höhe ein. Die Zahlung der 5. Rate war gestundet worden und wurde in Teilbeträgen von 70,- RM monatlich abgebucht.

HStA Hannover, Hann. 210 Acc. 169/98 Nr. 17

Transportliste vom 23.7.1942 nach Theresienstadt

Am 23.7.1942 wurde Ida Oppenheimer in das KZ Theresienstadt verschleppt, wo sie am 24.4.1943 starb. Ihre Barschaft von 2,40 RM wurde ihr bei der Deportation von der Gestapo abgenommen und an die Devisenstelle Hannover überwiesen. Ihr bei der 'Auswanderung‘ zurückgelassener Besitz und ihr Vermögen wurde zugunsten des Deutschen Reiches eingezogen. Das Sparguthaben von 32,87 RM und der Erlös aus der öffentlichen Versteigerung ihres Besitzes von 1572,85 RM wurden an den OFP Hannover abgeführt und die Steuerrückstände von 1183,- RM Judenvermögensabgabe und 82,50 RM Vermögenssteuer aus dem konfiszierten Vermögen noch beglichen. Die Verwaltung der Kaufpreisforderung an Oltersdorf ging am 1.8.1942 an den OFP Hannover, vertreten durch das FA Hameln. Olterdorf, dessen Schuld sich zu diesem Zeitpunkt noch auf 17.856,- RM belief, zahlte weiterhin seine Raten - die Höhe schwankte zwischen von 89,- bis 250,- RM - seit dem 25.8.1942 auf ein Konto der Finanzkasse Hameln ein.

Die Verwaltung der Kaufpreisforderung blieb auch nach 1945 beim FA Hameln. Die Einzahlungen Oltersdorfs von nun 35,- bis 50,- DM monatlich gingen bis 1949 auf ein Treuhandkonto der Oberfinanzkasse Hannover. Ab dem 1.6.1949 übernahm das Niedersächsische Landesamt für die Beaufsichtigung gesperrten Vermögens die Verwaltung der Forderung, die Einzahlungen gingen auf ein Konto für "Erträgnisse jüdischer Grundstücke".

Im November 1950 stellte die Nichte Wilhelm und Ida Oppenheimers einen Antrag auf Rückerstattung und forderte die Rückgabe des eingezogenen Barvermögen und Versteigerungserlöses sowie 5613,- RM aus den eingezogenen Einzahlungen Fritz Oltersdorfs.

Der Antrag wurde vom OFP Hannover am 10.1.1951 abgelehnt. Als Begründung wurde angeführt, dass die geleisteten Zahlungen vor dem 8.5.1945 "der Reichskasse zugeflossen wären und dort mit anderen Geldern vermischt, somit nicht mehr zu identifizieren seien", obwohl diese säuberlich beim FA Hameln seit August 1942 verbucht wurden. Zudem handele es sich um "Verbindlichkeiten aus Reichsmark-Zeiten", die als "Altgeldguthaben gemäß § 9 des Umstellungsgesetzes erloschen sind". Mit dem gleichen Argument verweigerte der OFP auch die Rückgabe der Einzahlungen vom 9.5.1945 bis zum 20.6.1948, die im Gegensatz zu den Vorkriegszahlungen nicht in der Reichskasse vermischt wurden und ebenfalls anhand der Verbuchungen beim FA Hameln - insgesamt hatte das FA 8013,- RM vereinnahmt - zu verifizieren gewesen wären. Der OFP verwies den Antrag an das Niedersächsische Landesamt für die Beaufsichtigung gesperrten Vermögens mit der Begründung, dass dieses ab 1.6.1949 die Verwaltung der Forderung übernommen habe.

Im April 1951 trat die Jewish Trust Corporation for Germany als Treuhänder mit der Rückerstattungsforderung an das FA Hameln heran. Das Verfahren zog sich bis 1954 hin, da die beteiligten Behörden - Wiedergutmachungskammer, OFP Hannover, Finanzamt Hameln und das Niedersächsische Landesamt für die Beaufsichtigung gesperrten Vermögens - auf die jeweilige Anfrage die entsprechenden Unterlagen gerade nicht vorliegen hatten, da sich diese angeblich bei einer der beteiligten anderen Behörden befand.

B. Gelderblom, Hameln

Bäckerstr. 58, ehem. Wohn- und Geschäftshaus Oppenheimer (1994)

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