In Hameln war die antisemitische Stimmung hoch. Bereits der Boykott-Tag am 1.4.1933 wurde von zahlreichen Ausschreitungen begleitet. Die Boykottmaßnahmen rissen auch in den folgenden Monaten und Jahren nicht ab. Zahlreiche Konkurse von Geschäftsleuten waren die Folge, auch die beiden Rechtsanwälte Harry Binheim und Dr. Ernst Katzenstein und die beiden Ärzte Dr. Herzberg und Dr. Kratzenstein - Dr. Gradnauer war bereits ausgewandert - sahen durch den Verlust der Zulassung zu den Gerichten bzw. der Kassenzulassung ihre Existenz akut gefährdet. Drei Jahre nach dem ersten Boykottaufruf waren zwei Drittel der jüdischen Geschäfte geschlossen oder 'arisiert'.
Nach den Rassegesetzen des Nürnberger Reichsparteitags 1935 befassten sich die Mitglieder der Jüdischen Gemeinde in zunehmendem Maße mit der Frage der Auswanderung; vor allem Jugendliche wurden nun ins Ausland geschickt, häufig nach Palästina. Wer nicht in dei großen Städte abwanderte oder ins Ausland emigrierte, konnte zunächst als Vertreter oder Arbeiter einen minimalen Beitrag zum Lebensunterhalt erwirtschaften, bis 1938 die Einziehung der Wandergewerbescheine eine weitere Verdienstmöglichkeit beendete. Auch der noch in Hameln verbliebene Arzt Dr. Kratzenstein verlor nun mit dem Entzug der Approbation seine Existenzgrundlage.
Anzeige im "Reichs-, Handels- und Gewerbe- Adreßbuch" 1933
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